Resumee zu der DVD "Der Jahrhundertirrtum Vorwärts-Abwärts" vom WuWei Verlag

Zunächst erklärt Tierärztin Dr. Birgit Schock die für den Reiter relevante Anatomie und Biomechanik des Pferdes. Im großen und ganzen bin ich mit den meisten ihrer Aussagen einverstanden, nämlich dass die Brust und Bauchmuskeln sowohl beim Anheben des Thorax zwischen den Vorderbeinen, als auch beim Aufwölben des Pferderückens wichtig sind und daher gekräftigt werden müssen.

Über das Nackenband oder die Nackenmuskulatur sowie über die Bauchmuskeln kann das Pferd den Rücken aufwölben und dem Reitgewicht entgegen wirken

Ich stimme auch darin überein, dass in einer tiefen Dehnungshaltung über das Nackenband das Aufwölben des Rückens ohne große Muskelanstrengung möglich ist und die Dornfortsätze aufgefächert werden. Unlogisch finde ich allerdings, dass dieser Zug vom Nackenband über das Rückenband noch einen großen Effekt auf die hinteren Dornfortsätze und das Becken haben soll, da das Nackenband doch eine sehr elastische Struktur ist. Wäre sie es nicht, würden die Dornfornsätze zwar aufgerichtet werden, aber ihr Abstand würde sich nicht wesentlich vergrößern. Das von Dr. Schock beschriebene Auffächern würde nicht stattfinden. Es dürfte durch seine elastische Beschaffenheit also vor allem eine Wirkung auf die vorderen Dornfortsätze haben, welche sich nach hinten hin immer weiter verliert. In der DVD wurde nicht darauf eingegangen, dass das Nackenband in erster Linie der Entlastung der Nackenmuskulatur dient, welche ebenfalls die Dornfortsätze nach vorne zieht und damit das Aufwölben des Rückens unterstüzt. Diese Nackenmuskulatur findet man bei einem gut gerittenen Pferd sehr ausgeprägt. Bis es soweit ist, ist es für ein gutes Muskelwachstum jedoch nötig die Phasen von An-und Entspannung in kurzen Zeitabständen abzuwechseln. Zum Entspannen bietet sich die tiefe Dehnungshaltung an und für die Anspannung eine relativ aufgerichtete Position. Den effektivsten Hebel für das Training der Nackenmuskeln findet man bei einem horizontal getragenen Hals.

Die Ansicht von vorne, wenn der Brustkorb zwischen den Vorderbeinen absackt.

Der Rumpf ist nicht knöchern mit den Schultern verbunden. Sind die Rumpfheber überfordert, sackt der Widerrist nach unten ab.

Ein kluger Gast aus der Schweiz fragte an Stelle 1:24, wie es denn vonstatten ginge, dass das Nackenband den Brustkorb anhebe, was eine Fangfrage war, aber von Dr. Schock leider nicht als solche erkannt wurde. Die Dehnungshaltung erleichtert zwar das Aufwölben des Rückens, aber nicht das Anheben des Brustkorbs. Dr. Schock fasste stattdessen noch einmal zusammen, wie das Aufwölben über das Nackenband funktioniert und der freundliche Gast sah davon ab, weiter nachzuhaken. Das Anheben des Brustkorbs kann man dem Pferd nicht erleichtern, daher ist es wichtig Pferde langsam an das Reitergewicht zu gewöhnen. Die Rumpfheber müssen sorgfältig aufgebaut werden, andernfalls kann es zu einer Trageerschöpfung kommen. Normalerweise wirken Pferde von selbst dem Reitergewicht entgegen, aber durch den Effet d'ensemble, wie ihn Baucher genannt hat und wie er zum Teil von Philippe Karl praktiziert wird, kann man das Pferd auch gezielt dazu auffordern den Brustkorb anzuheben. Das darf allerdings nur eine kurzzeitige Korrektur und keine dauerhafte Einwirkung sein. Woher weiß ich, ob mein Pferd den Brustkorb anhebt? Meinem persönlichen Gefühl nach, ist das immer dann der Fall wenn es vorwärts-abwärts sucht. Ob ich es dann dort hin lasse, ist gar nicht wichtig, aber dieses sanfte, höfliche Anfragen, ob es denn den Hals länger machen darf - das ist es. Und dieses Anfragen kann auch da sein, wenn das Pferd relativ hoch aufgerichtet ist, wie zum Beispiel in einer Galopp-Pirouette. So schreibt auch Nuno Oliveira in seinem 5ten Band "Ratschläge eines alten Reiters an junge Reiter": Beispielsweise kann man eine gute Galopp-Pirouette machen und das Pferd durch Senken des Halses belohnen, während das Pferd einen etwas offeneren Galopp einnimmt aber dabei seine Ruhe bewahrt. Wenn im Gegenteil beim Nachgeben der Zügel das Pferd nicht ein gutes Senken des Halses durchführt, kann man sicher sein, daß das Pferd nicht in der wahren Versammlung gearbeitet, sondern nur ungeschickt zwischen Hand und Beinen zusammengeschraubt worden ist. (S.123)



Richard Vizethum sagt, dass in der alten Literatur kein Vorwärts-Abwärts erwähnt wird. Ich konnte auch nichts entsprechendes finden. Sehr wohl aber in der neueren Literatur von großen Reitern, wie Seunig, Stensbeck, Neindorff und Nuno Oliveira, von denen zumindest die drei Letzteren von den Oliveira Stables anerkannt werden.

Waldemar Seunig empfiehlt in "Von der Koppel bis zur Kapriole": Beim jungen Pferd handelt es sich darum, diese Zugwirkung der Nackenmuskeln zur vollen Auswirkung gelangen zu lassen. Zu diesem Zwecke muß man dem Halse eine möglichst große Streckung nach vorwärts gestatten und ihm auch erlauben, tief zu werden [...](S.299)

Stensbeck schreibt in "Grundzüge der Reitkunst": Der natürlich längere Hals wäre ideal wenn das Pferd, angenehm in der Hand bleibt und wenn "man ihm die Zügel [...]lang läßt,[...wird es] vielmehr ruhig seinen Hals dehnen und mit freien Tritten über den Boden schreiten (S.58).

In Egon von Neindorffs "Die reine Lehre der klassischen Reitkunst" gibt es unzählige Bilder und Textstellen, in denen das Vorwärts-Abwärts befürwortet wird, sogar im verstärkten Galopp: "Beim jungen Pferd das noch keine Aufrichtung verträgt, dehnt sich dabei der Hals vorwärts-abwärts. (S.151)

Nuno Oliveira hat in seinem 5ten Band "Ratschläge eines alten Reiters an junge Reiter" dem Senken des Halses ein ganzes Kapitel gewidmet: Wenn ein Pferd nicht in der Lage ist, in den drei Gangarten ein korrektes Senken des Halses zu bringen, dabei kadenziert zu bleiben ohne den Rücken hohl zu machen, ist die Arbeit nicht gut gewesen. (S.123)

Das Vorwärts-Abwärts wird von den Fachleuten auf der DVD in Trab und Galopp abgelehnt, weil das die Vorhand überlasten würde. Dazu ist zu sagen dass

1. noch gar nicht abschließend geklärt ist, ob durch die Dehnungshaltung die Vorhand mehr belastet wird, als in Aufrichtung. Es gibt eine Messung von Baucher am stehenden Pferd, die das bestätigt, aber sichere Aussagekraft hat dieser eine Versuch nicht, besonders nicht für das Pferd in Bewegung. Selbstverständlich würde sich der Schwerpunkt des Pferdes in Aufrichtung näher an den Hinterbeinen befinden, als in Dehnungshaltung, wenn das Pferd sich sonst in keinster Weise in der Haltung verändert. Tatsächlich hat es aber durch das Verschieben der Unterstützungsfläche eine sehr effektive Möglichkeit das Gewicht genau so auf seine Beine zu verteilen, wie es das möchte. Es ist also denkbar, dass ein Pferd, dem die, durch die Aufrichtung aufgezwungene, Schwerpunktverlagerung Richtung Hinterhand, unangenehm ist, zur Kompensation seine Unterstüzungsfläche nach hinten verschiebt. Dieses Mittel ist so effektiv, dass das optisch kaum bemerkbar wäre.

Die Unterstützungsfläche ist nach vorne verschoben, der Schwerpunkt nähert sich der Hinterhand.

Die Unterstützungsfläche ist nach hinten verschoben, der Schwerpunkt nähert sich den Vorderbeinen.

Je nachdem ob das Pferd als nächstes eine Bewegungsaufforderung nach vorne, nach hinten, oder zur Seite erwartet, wird es seinen Schwerpunkt mehr nach vorne oder hinten legen. Die Haltung mit zurückverlagertem Schwerpunkt findet man beispielsweise bei Cuttingpferden: das Cuttingpferd weiß, dass es jeden Moment schnell zur Seite springen muss, aber nicht nach vorne, und so nimmt es eine Haltung und Gewichtsverteilung an, die ihm das am Besten ermöglicht. Eine ähnliche Haltung kann man auch bei Pferden beobachten, die unter Hufrehe leiden, also Pferden die definitv die Vorhand entlasten wollen. Weder das Hufrehepferd noch das Cuttingpferd nutzen eine hohe Aufrichtung, um den Schwerpunkt nach hinten zu verlagern. Möglichweise weil es nicht effektiv ist, oder schmerzhafte Begleiterscheinungen hat.

Die Oliveira Stables gehen davon aus dass jede Mehrbelastung der Vorhand für das Pferd schädlich wäre. Dabei würde mich interessieren, ob sich das eher die Dauer einer Belastung oder deren Stärke bezieht. Ist es besser wenn 300kg für 0,6 Sekunden auf einem Bein liegen, oder wenn 600kg für 0,3 Sekunden auf einem Bein ruhen? Oder zählt die Gesamtbelastung, also Kraft mal Zeit? In den Oliveira Stables geht man davon aus, dass man durch eine hohe Aufrichtung das Gewicht von der Vorhand auf die Hinterhand verschieben könne. Dazu habe ich folgende Arbeit gefunden:

Influence of different head-neck positions on vertical ground reaction forces, linear and time parameters in the unridden horse walking and trotting on a treadmill

Leider wurde der Versuch nur an 7 Pferden gemacht, aber dabei kam im Trab heraus, dass in aufgerichteter Position die Vorderbeine kürzer am Boden bleiben, aber höhere Spitzenwerte in der vertikalen Kraft aufwiesen. Die Unterschiede, im Vergleich zur normalen Haltung, waren allerdings nicht gerade beeindruckend: Die Stützphase der Vorderbeine verkürzte sich gerade mal um 6,24%. Normalerweise dauert die Stützphase 0,45 Sekunden, in extremer Aufrichtung 0,42 Sekunden. Die Stützphase der Hinterbeine jedoch verlängerte sich nur um 0,63%. Insoweit stimmt die Theorie der Oliveira Stables, wobei der Effekt der Aufrichtung ziemlich gering ist. Nachteilig würde aber wohl angesehen, dass in dieser hohen Aufrichtung die Spitzenwerte an vertikaler Krafteinwirkung in den Vorderbeinen um 4,79% anstiegen. Insgesamt trug die Vorhand in der hohen Aufrichtung 56,8% des Gesamtgewichts und in natürlicher Haltung 57,4%, also im Vergleich (57,4% entspricht 100%) nur 1,06% weniger. Die Dehnungshaltung hat laut dieser Studie übrigens keineswegs so einen verheerenden Effekt, wie die Oliveira Stables befürchten: Die Stützphase der Vorderbeine verlängerte sich um 0,86% während die Spitzenwerte vertikaler Krafteinwirkung sogar um 2,11% abnahmen. Die Gewichtbelastung der Vorhand stieg um 0,15%.

Am gerittenen Pferd wurde derselbe Sachverhalt untersucht und man kam zu ähnlichen Ergebnissen:

Effect of head and neck position on vertical ground reaction forces and interlimb coordination in the dressage horse ridden at walk and trot on a treadmill

Im Trab war die Stützphase in hoher Aufrichtung um 8,75% kürzer, während die Spitzenwerte vertikaler Kraft um 7,64% zunahmen. Die Gewichtsverteilung zwischen Vor-und Hinterhand änderte sich um 1,78% zulasten der Hinterhand. Obwohl der Kopf und Hals des Pferdes ungefähr 10% seiner Gesamtmasse ausmacht, ist die Gewichtsverlagerung also letztendlich minimal.

Angesichts der angeführten Studien und meiner Beobachtungen, sehe ich mich in meiner Vermutung bestätigt, dass man ein Pferd durch körperliche Einwirkungen niemals dauerhaft dazu bringen wird, die Last deutlich anders auf seine Beine zu verteilen, als dieses das gerade möchte. So wie es dem Pferd trotz tiefem Hals möglich ist, das Gewicht nach hinten zu verlagern, so ist es ihm in umgekehrter Weise auch möglich, das Gewicht nach vorne zu verlagern, auch wenn es sehr hoch aufgerichtet wird. Oft sieht man das in schlechten Piaffen: Die Vorhand wird rückständig, egal wie hoch der Pferdekopf genommen wird und das wars mit der Gewichtsverlagerung nach hinten. Über die Modulation der Unterstützungsfläche kann das Pferd die Last ganz nach seinen Wünschen verteilen, so wie wir Menschen das auch tun, wenn wir z.B. einen schweren Koffer tragen. Angenommen wir tragen den Koffer mit der rechten Hand, so werden wir trotzdem nicht das rechte Bein mehr belasten, sondern wir stemmen uns dem Gewicht des Koffers entgegen, um unsere Beine wieder gleichmäßig zu belasten:

Nur weil wir rechts einen schweren Koffer tragen, heißt es nicht, dass wir auch das rechte Bein mehr belasten.

Genausowenig ist das Pferd aufgrund der Dehnungshaltung gezwungen die Vorhand mehr zu belasten.

Wenn das Pferd aber einen Sinn darin sieht das Gewicht anders zu verlagern, wird es das auch tun. Indem ich das Pferd in die Erwartung bringe, dass es sich im nächsten Moment blitzschnell, in eine ihm noch unbekannte Richtung bewegen muss, wird es sich selbstständig versammeln. Dieses Verhalten kann ich dann verstärken und mit den gewünschten Hilfen verknüpfen.

2. Selbst wenn man das Pferd dauerhaft zu einer Gewichtsverlagerung Richtung Hinterhand bringen könnte, ist es nicht klar ob das Pferd daraus einen gesundheitlichen Nutzen ziehen würde. Die Vorhand eignet sich meiner Meinung nach durch die freie Aufhängung des Rumpfes ganz hervorragend dazu, federnd Last aufzunehmen. Nicht umsonst landet das Pferd nach einem Sprung zuerst mit der Vorhand und bekommt dadurch auch keine Probleme solange man es nicht übertreibt, obwohl es theoretisch auch so springen könnte, dass es zuerst mit der Hinterhand aufkommt. Dabei walten Kräfte die man nicht annähernd beim "normalen" Dressurreiten findet. Wenn die Vorhand also kaputt geht, kann das viele Gründe haben, aber nicht zwingend, dass sie nicht mit dem Gewicht zurecht käme.

Aber weiter mit der DVD: Nach der Therorie wurde ein Pferd an der Longe gezeigt. Es sollte zunächst vorwärts-abwärts geschickt werden und dann in erhobener Haltung gehen. Das war für mich mit Abstand der amüsanteste Teil der DVD: Um den Pferdekopf nach unten zu weisen, wurde die Longenhand sehr tief getragen und um es oben zu behalten sehr hoch über dem Kopf. Bei einer ca. 8m langen Longe hatte das natürlich einen unglaublichen Effekt auf das Pferd - nämlich gar keinen. Das Pferd ging in beiden Fällen gleichermaßen mit erhobenem Kopf und streckte sich gelegentlich immer wieder ab, was hin und wieder mit einem Rucken an der Longe bestraft wurde. Allein der Versuch, auf einem großen Zirkel über die Höhe der Longenhand die Höhe des Pferdekopfes bestimmen zu wollen, ist so lustig und abseits von jeder Logik, dass ich immernoch lachen muss. Die Veränderung der Zugrichtung der Longe verändert sich durch diese lächerlichen Bemühungen nur marginal, besonders wenn man das Eigengewicht der Longe mitberücksichtigt. Sollte jemand Interesse daran haben, wie man an der Longe die Haltung des Pferdes modulieren kann, kann ich es gerne zeigen.

Im zweiten Praxisteil wird Handarbeit gezeigt. Die fand ich insgesamt nicht schlecht, nur dass das Pferd permanent und auf beiden Seiten im Genick verworfen war. Ohne korrekte Biegung ist der gymnastische Effekt der Übungen jedoch bei weitem nicht so ausgeprägt.

Fazit:
Die Oliveira Stables lassen ihre Pferde entspannen und dabei auch den Hals lang und tief kommen, allerdings nur im Halt und im Schritt. Es spricht jedoch meiner Meinung nach nichts dagegen, das auch in Trab und Galopp zu gestatten. Jede starre Haltung ist schädlich und läßt Muskeln verkrampfen, das gilt für die Aufrichtung, wie auch für die Dehnungshaltung wenn sie länger als einige Minuten am Stück aufrecht erhalten werden muss. Beide Haltungen im Wechsel jedoch ermöglichen ein effektives Muskelwachstum da unterschiedliche Muskelgruppen beansprucht werden. Die Dehnungshaltung immer wieder ins Training mit aufzunehmen, ist daher besonders für junge und schlacksige Pferde wichtig, die erst die nötige Reitpferdemuskulatur aufbauen müssen, aber auch für nervöse Pferde kann die Dehnungshaltung Vorteile bringen: Durch die tiefe Kopfposition, die fast an die Fresshaltung erinnert, wird das parasympatische Nervensystem aktiviert, welches wiederum die Entspannung fördert.